Enjoy Jazz Präsentiert Sängerinnen von Weltrang
Im Jahr 2017 hat der Psychologieprofessor Michael w. Kraus an der Yale University etwas Interessantes festgestellt: wenn wir unser gegenüber ausschließlich hören, also weder sehen noch berühren, können wir dessen Gefühlslage am genauesten einschätzen. Was aber sagt uns das über den Gesang?
An der University of Rochester wurde kürzlich erstmals eine Neuronen-Gruppe im Gehirn identifiziert, die nahezu ausschließlich auf Gesang anspricht. Unser Gehirn behandelt Gesang also anders als Instrumentalmusik oder Sprache. Der Mensch ist evolutionär offenbar darauf trainiert, durch die Stimme wichtige Informationen zu beziehen, und zwar aus dem Zusammenwirken von Worten mit Faktoren wie Timbre, Lautstärke oder Tonhöhe. Durch das Singen als zusätzliche Information erfolgt eine Verstärkung und zugleich Verschiebung der Aufmerksamkeit. „Da geht es vom Physiologischen über ins Psychische“, so der Mediziner und Musikpädagoge Wolfgang Mastnak. Kurz gesagt: Gesang führt uns in uns hinein. Sechs Stimmen für die Ewigkeit Erstmals bei Enjoy Jazz zu Gast sein, und dann gleich als Attraktion zum Auftakt, wird Souad Massi. Die algerische Sängerin wird für ihren Mix aus arabischen und andalusischen Klängen seit vielen Jahren hymnisch gefeiert: Ihre „wunderschön gewobenen Melodien, eine klare, beinahe kristalline Stimme, die Sehnsucht atmet“ erzeugen eine unwiderstehliche Nähe. In einem ihrer schönsten Songs, „Ghir enta“, heißt es geradezu programmatisch: „Lass mich in deine Gedanken.“ Über das neue Album schreibt „Sounds & Books“ nun etwas, was eigentlich unmöglich ist: „Massi erweitert auf ‚Zagate‘ deutlich ihr Klangspektrum und gewinnt so noch mehr Tiefe.“ Savina Yannatou verfügt wahrlich über eine Stimme aus dem Olymp. Ihre Intensität ist reine Magie. Die Griechin zählt zu den wenigen Großmeisterinnen einer im Mittelmeerraum beheimateten Gesangskunst, in welcher das Publikum, sanft umweht von traumschöner Melancholie, emotional genau so weit geführt wird, bis es den Rest des Weges allein gehen kann, den Weg in das tiefste eigene Innere, das keinen Begleiter zulässt. Yannatou singt keine Lieder, sie singt Menschen. Im Gesang von Lizz Wright wird spürbar, dass Jazz, Blues und Soul eine gemeinsame Wurzel haben: den Kampf um Freiheit in Gleichheit. Das macht die Sängerin zur „Seele der Südstaaten“, wie der unvergessene Rainer Köhl anlässlich ihres letzten Auftritts bei Enjoy Jazz schrieb. Mit ihrer „geschmeidigen, dunklen Altstimme, deren Eigenschaften man mit fassgelagertem Bourbon oder butterweichem Leder assoziieren möchte“, so die New York Times, kehrt sie nun also dorthin zurück, wo sie zuletzt 2018 begeisterte: in die Heidelberger Stadthalle.
Man muss in Sachen Vergleiche ins oberste Regal greifen, um Melody Gardot gerecht zu werden. Parallelen zu Joni Mitchell oder Astrud Gilberto herzustellen, ist keineswegs übertrieben. Seit Jahren steht sie auf Rainer Kerns Wunschliste. In diesem Jahr hat es geklappt. Kompositorisch eher im Folk-Pop zuhause, sind ihre Live-Auftritte stilsicher mit Jazz-Elementen versetzt. Der Publizist Ashley Kahn sieht sie daher als Teil „einer langen Gesangstradition, die von cooler Gelassenheit, gedämpfter Intimität und selbstbewusster Weiblichkeit geprägt ist“. Sie ist gerade mal 26 Jahre alt und hat bereits sechs Grammys in drei Kategorien gewonnen: Samara Joy. Mühelos gleitet diese Stimme durch alle Lagen, im Scatten ebenso sicher wie in der Ausgestaltung von Lyrics. Samara Joys Kunst ist technisch bereits jetzt auf einer Ebene mit Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan. Der Gedanke daran, was noch möglich ist, wenn sich Jahr für Jahr mehr gelebtes Leben in diese Stimme einschreibt, ist kaum auszuhalten. Wir reden hier nicht von Meisterschaft, wir reden von Perfektion. Außerdem live zu erleben: die dem Enjoy-Jazz-Publikum bestens bekannte Erneuerin des Balkan-Jazz Elina Duni mit ihrer einzigartigen multilingualpoetischen Klangsprache, die selbst ihren Partner und Gitarristen Rob Luft immer wieder aufs Neue überrascht: „Ein unglaubliches Musikgenre, das keiner von uns gekannt hat.“ Übrigens: Inzwischen wurden Elemente nachgewiesen, die in jeder Form von Gesang vorkommen, über alle Kulturen hinweg. Was bedeutet, dass es sich beim Singen in erster Linie um ein evolutionäres und erst in zweiter Linie um ein kulturelles Phänomen handelt. In uns allen ist also Gesang. Bei Enjoy Jazz haben Sie in diesem Jahr vielfach Gelegenheit, meisterhaft angeleitet, auf das Schönste in sich hineinzuhören.

Datum: 10. September 2026




