„Schönheit ist ja nicht zwingend schön.“

Der Gründer und künstlerische Leiter von Enjoy Jazz hat sein „Festival for Jazz and More“ zum vierten Mal in Folge unter ein Motto gestellt: „Beauty“. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie dieser auf den ersten Blick fast naiv anmutende Begriff zum Ruf von Enjoy Jazz passt, immer auch ein Diskurs-Festival zu sein, also gesellschaftliche Metatendenzen nicht nur zu spiegeln, sondern kritisch zu reflektieren.

 

Herr Kern, versinkt Enjoy Jazz jetzt in Schönheit?

(Lacht.) Sehr gerne. Im Ernst: Die Frage ist doch, in welcher Schönheit? Lassen Sie es mich ein wenig absurd ausdrücken: Schönheit ist ja nicht zwingend schön. Was ich damit sagen will, ist: Wenn
wir den Begriff Schönheit auf das Schöne im Sinne naiver Anschauung oder mehrheitsfähiger Empfindung reduzieren, verstellen wir uns den Blick auf das Wesentliche. Nebenbei bemerkt ist das einer der Gründe, warum ich für unser Festival-Motto immer das englische Wort gewählt habe. Weil ich dadurch klischeebehafteten Reflexen entgegenzuwirken hoffe. Aber ich entnehme Ihrer Frage: Bei Ihnen hat das nicht wirklich funktioniert.

Ich gebe mir Mühe. Könnten Sie kurz skizzieren, welcher Schönheits-Begriff dem Festival-Motto zugrunde liegt?

Natürlich. Aber lassen Sie mich vorausschicken, dass ich mich fast ein Vierteljahrhundert lang schwer damit getan habe, dem Festival ein Motto zu geben – und es deshalb auch nicht getan habe.

Warum das?

Weil ich gesehen habe, dass ein Motto missverstanden werden könnte als eine Schablone, in die nun zwingend das gesamte Programm hineingepresst werden soll. Für ein so diverses Festival wie Enjoy Jazz kann ein Motto aber immer nur eine Lupe sein, über die ich einen mir besonders wichtigen Strang des Ganzen fokussieren und seine Sichtbarkeit erhöhen kann. Wenn das gut gemacht ist, ergeben sich Verknüpfungen von selbst. John Coltrane sagte mal: „Sometimes I’d think I was making music through the wrong end of a magnifying glass.” Durch diesen vermeintlich falschen Gebrauch der Lupe entsteht im Prozess der Fokussierung zugleich ihr Gegenteil: eine Öffnung und Weitung des Blicks.

Ein schönes Bild, nicht nur im Coltrane-Jahr. Aber zurück zu Ihrem Schönheits-Begriff …

Schönheit, wie wir sie verstehen, ist ein integratives Konzept. Sie ist die vielleicht einzige permanent gegenwärtige Revolution. Die Fondazione Dries Van Noten präsentiert in Venedig noch bis Anfang Oktober eine Ausstellung unter dem Titel „The Only True Protest Is Beauty“. Im Ankündigungstext heißt es: „Schönheit ist kein starres Ideal, sondern eine hinterfragende Präsenz.“
Das unterschreibe ich sofort.

Denn Schönheit umfasst, prägt oder beeinflusst alle Facetten unseres Lebens: soziale, moralische, politische, ökonomische, ökologische und natürlich ästhetische. Glaubt man Schiller, und wer bin ich, ihm zu widersprechen, ist die Schönheit der Schlüssel zum Wahren und Guten. Außerdem mag ich die Einschätzung des Schriftstellers Henri Stendhal, dass Schönheit nur „ein Versprechen von Glück“
sei. Ein Versprechen, an dessen Wesen wir alle, wissentlich oder unwissentlich, ständig arbeiten. Das Wesen der Schönheit wäre demnach Wandel oder Transformation. Was wiederum ein wichtiger
Teil meines Antriebs als Festivalmacher ist. Zu Beginn der 1. Duineser Elegie Rilkes heißt es: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören“. Heiner Müller formuliert die Chance von Kunst im Gedicht „Bilder“ aus den 50er Jahren und im Text „Schall Coriolan“ im
Gegensatz dazu so „Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.“ Dieser Satz ist für mich pure Schönheit und ich glaube an ihn. Er wurde als Umkehr der resignativen Weltabgewandtheit der bürgerlichen Moderne gedeutet.

Dann ist „Beauty“ also das persönlichste Ihrer bisherigen Mottos?

Vielleicht, ja. Ich musste zuletzt oft an den großen Jazz-Avantgardisten Peter Brötzmann denken.

In einem Gespräch nach dem Soundcheck sagte er mal, es ginge ihm sehr wohl um Schönheit, aber eben um eine anders definierte, gegenpolige. Denn, und diesen Ansatz habe ich schon immer geteilt: „Das, was uns als Schönheit verkauft wird, konnte nach einem solchen Krieg, also nach dem Zweiten Weltkrieg, nichts mehr gelten. Wir mussten von vorn anfangen.“
Es gibt immer wieder Erfahrungen und Ereignisse, hinter die darf man einfach nicht zurückgehen.

Bleibt die obligatorische Frage: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie Ihr Programm betrachten?

Darauf, zu erfahren, was andere darüber denken: die eingeladenen Künstler:innen, Journalist:innen und natürlich das Publikum. Aber so, wie ich Sie kenne, wollten Sie von mir konkrete
Veranstaltungs-Tipps hören.

Sie haben mich durchschaut.

Dann verrate ich Ihnen jetzt etwas: Es gab in der Historie von Enjoy Jazz Konzerte, von denen ich bei der Programmierung gedacht habe: Das wird mein Highlight des Festivals. Und obwohl
fast jedes dieser Konzerte meine Erwartungen sogar noch übertroffen hat, ist es in 27 Jahren nicht ein einziges Mal passiert, dass ich es am Ende als das spannendste des Jahrgangs empfunden habe. Was nur zwei Schlüsse zulässt. Erstens: Überraschungen sind offenbar ein wichtiger Teil dieses Festivals. Und zweitens: Die sicherste Möglichkeit, das für einen
selbst Beste nicht zu verpassen, ist, sich so viele Veranstaltungen wie möglich anzuschauen.

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