John Coltrane zählt zu jenen, die den Weg in den spiritual Jazz als musikalische Praxis wie als geistige Haltung ebneten. Zur spirituellen Wirksamkeit des Jazz gehört bisweilen aber auch seine Fähigkeit zur weit über das faktische hinausgehenden Kommentierung zeitgeschichtlicher Ereignisse.
Am 15. September 1963 ereignete sich in Birmingham, Alabama, ein grausames, rassistisch motiviertes Bombenattentat auf eine Kirche, bei dem vier Mädchen starben. Unmittelbar darauf schrieb John Coltrane das Stück „Alabama“, das er im November 1963 aufnahm. Zwei Aspekte des Jazz werden daran deutlich, ein empathischer und ein ästhetischer. Das Stück ist eines von ungezählten Beispielen dafür, dass der Jazz in der Lage ist, seine Umwelt nahezu in Echtzeit zu reflektieren, aufzurütteln, zu mobilisieren und somit solidarisch und unterstützend zu wirken. Weil man im Jazz dabei zumeist ohne Worte bzw. Liedtexte arbeitet, nimmt man die nur gedachten Worte als eine individuell nutzbare Universalsprache wahr. So hört man in der Musik nicht nur, was man denkt und fühlt, sondern kann durch dieses befreiende sinnliche Erleben Erschütterungen oder Traumata besser verstehen und daraus resultierende Blockaden einfacher auflösen bzw. in Handlungs-Energie umwandeln. Mit beeindruckender Nachwirkung. So hat William Shadrack Cole, Professor für amerikanische Studien an der Syracuse University und selbst Musiker, im Falle des Coltrane-Songs „Alabama“ erst über ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung herausgefunden, dass der Rhythmus des Stückes offenbar „aus den rhythmischen Beugungen einer Rede von Dr. Martin Luther King entwickelt“ wurde. Gemeint ist hier jene berühmte Trauerrede, die King drei Tage nach dem Bombenanschlag gehalten hat. Analog zur Trauerrede des Bürgerrechtlers entwickle Coltrane sein Spiel auf dem Saxofon vom Tonfall der Trauer hin zu einer kämpferischen Entschlossenheit, beschreibt es der Journalist Matt Micucci.
Ein Mensch wie eine Kathedrale
Welche Kraft aus solchen Impulsen entstehen kann, beweist Coltrane mit seinem wohl berühmtesten Album, „A Love Supreme“. Inspiriert von der Grenzenlosigkeit Gottes (weniger als Wesen, denn als universeller Idee), hat Coltrane mit seinem Spätwerk eine Art kreatives Katapult geschaffen, das seit 60 Jahren unvermindert befreiende Botschaften in den universellen Raum des Menschseins schleudert. Impulse, die man im Hören umarmt, von denen man sich wegtragen lässt, hin zum jeweils eigenen innersten Ort, zu dem diese Musik offenkundig ein Schlüssel ist. Es ist kein Zufall, dass diese Reise mit einem Gong beginnt, also dem Signalinstrument schlechthin. Dieser mystische, nicht nur im Jazz höchst ungewöhnliche Auftakt beschreibt die gesamte Musik der vierteiligen Suite idealtypisch als etwas, das ganz selbstverständlich aus sich selbst heraus funktioniert, im Spielen wie im Hören. Jeder Ton bezieht seine Wahrhaftigkeit und Wirksamkeit allein aus sich selbst. Das macht ihn gleichermaßen für alle verfügbar, aber nicht für zwei Menschen auf dieselbe Weise. Aus der Faszination für die unfassbar intensive meditative Erfahrung, die mit dem Hören dieser Musik verbunden ist, entstand wenige Jahre nach Coltranes Tod in San Francisco tatsächlich eine Kirche: die Coltrane Church oder, so die vollständige Bezeichnung, die Saint John Coltrane African Orthodox Church. Ihr Gründer, ein Pastorensohn, hatte zuvor ein Coltrane-Konzert gehört, das er später als seine „Klangtaufe“ bezeichnete. Anfangs stand man im offenen Konflikt mit der katholischen Glaubenslehre, weil man John Coltrane als „Inkarnation Gottes“ betrachtete. Nachdem man bereit war, ihn zum „Heiligen“ herabzustufen, fand die Coltrane-Kirche Aufnahme in den Verbund der African Orthodox Church. In stundenlangen Gottesdiensten ist die Musik des späten John Coltrane und insbesondere die „A Love Supreme“-Suite aber nach wie vor ein zentraler Gegenstand des Ritus. Der 100. Geburtstag von John Coltrane ist eines der Schwerpunktthemen des diesjährigen Enjoy Jazz Festivals.

Datum: 8. September 2026




