New Spiritual Jazz

Wenn die Vergangenheit Zukunft wird

Die spirituelle kraft des Jazz war immer auch eine gesellschaftliche. Aus der zunehmenden kreativen Besinnung auf dieses Phänomen bezieht der heutige Jazz nicht nur neue Energie, sondern eine zeitgemäße Relevanz. Kurz gesagt: der Jazz sucht wieder nach Wahrheit, und zwar nach jener Wahrheit, die nur aus der Offenheit der Form entstehen kann. Enjoy jazz präsentiert herausragende Vertreter dieser hohen Kunst: Tomoki Sanders, Sullivan Fortner, Lakecia Benjamin und James Brandon Lewis.

Der New Yorker Saxofonist Tomoki Sanders spielt keine Konzerte, er zelebriert musikalische Hochämter. Seine langgezogenen, in großer Freiheit vorwärts mäandernden Melodielinien baut er innerhalb weniger Augenblicke zu mehrdimensionalen Klangräumen aus. Sie zeichnen sich durch dieselben entrückt wirkenden, höhlenartigen Labyrinthe der Entschleunigung aus wie im Spiritual Jazz der 1960er Jahre. Die Auftritte des non-binären Musikers sind Meditationen über die Befreiung aus der Enge einer Zwischenwelt: „Ich habe fünf oder sechs Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass ich eine andere Energie habe, die sich außerhalb der gesamten cis-männlichen Ideologie bewegte. Ich befand mich irgendwo dazwischen.“ Und ja, Tomoki ist der Sohn des großen Pharaoh Sanders. „Ich bin sehr dankbar, dass ich den meiner Meinung nach coolsten Vater der Welt hatte.“ Was er von ihm gelernt habe, ist, „jedem einzelnen Impuls in meinem Kopf, meiner Seele und meinem Geist gegenüber aufrichtig zu bleiben, einfach der Musik gegenüber aufrichtig zu bleiben und ihr zu dienen.“ Über die Verbindungen von Lakecia Benjamin zum Spiritual Jazz muss man seit ihrem Tribute-Album für Alice und John Coltrane nichts mehr sagen. Um ihre konzertante Power zu beschreiben, genügte ohnehin ein einziger Satz: „Ein mitreißender Auftritt, der die Farbe von den Wänden blättern lässt“ (All about Jazz). Diese Saxofonistin ist wie eine Hochenergiebatterie, die sich im Spielen permanent selbst auflädt und dabei einen kreativen Funkenregen in den Saal sprüht. Die Musikerin und Aktivistin Terri Lyne Carrington adelt Benjamins Haltung mit dem Begriff „kämpferisch“. Für John Scofield hat sie das Gaspedal immer voll durchgedrückt.“ Eigenschaften, die Lakecia Benjamin zur Saxofonistin der Stunde machen. Piano-Shooting-Star Sullivan Fortner äußerte sich unlängst in einem Gespräch mit „Jazz Weekly“ wie folgt über seine ebenfalls spirituell geprägte Motivation als Musiker: „Egal, wie viel oder wie wenig es einbringt, du tust es nicht des Geldes wegen, sondern als Dienst – als Dienst an Gott und den Menschen; es ist ein geistliches Amt.“ Der dreifache Grammy-Gewinner genießt selbst unter Piano-Legenden größten Respekt. Jason Moran nennt ihn „eine spirituell geprägte Seele“, die jedes Mittel, das ihr zur Verfügung stehe, nutze, „um ein Kraftfeld zu erzeugen.“ Und für Fred Hersch ist er schlicht „einer der besten Pianisten der Welt“.

Denn Fortner ist nicht nur ein Wunder an rhythmischer Präzision – was ihm u.a. eine Rolle als Partner der beiden wichtigsten Jazz-Sängerinnen der jüngeren Generation eingebracht hat: Cécile McLorin Salvant und Samara Joy. Er ist außerdem ein Bindeglied zwischen der mit der Ellis-Marsalis-Schule assoziierten Jazz-Tradition und ihrer Weiterentwicklung mittels Latin-Einflüssen und einer fein austarierten Lyrizität. Sein Spiel ist komplex und trotzdem von enormer Sinnlichkeit. Seine Meisterschaft ruft er verlässlich auf höchstem Niveau ab. Vielleicht auch, weil er nicht allein am Klavier sitzt, wie er kürzlich bekannte: „Ich spiele einfach, und den Rest überlasse ich Gott.“ Dem Enjoy Jazz Publikum nicht mehr vorstellen muss man James Brandon Lewis. Bei keinem ausverkauften Konzert des letzten Festivals war die Nachfrage größer. 2026 kommt er mit der All-Star-Band The Messthetics. Dabei hätte sich der Saxofonist eigentlich zur Ruhe setzen können. Denn ein größeres Kompliment als das des großen Stilbildners Sonny Rollins wird er wohl nicht mehr erhalten: „Wenn ich dir zuhöre, höre ich Buddha … den tieferen Sinn des Lebens.“ Lewis, für den der Jazz eine „spirituelle Praxis“ ist, gilt als technisch versiertester Saxofonist seiner Generation. Sein Spiel ist kraftvoll, bisweilen sogar roh. Bekanntes begreift er als Vorstufe des Neuen. Tradition, erklärt er, „ist nichts, was man kopiert. Sie ist etwas, das man weiterführt.“ Dabei ist ihm die eigene Spiritualität Verpflichtung. Oder wie er selbst es ausdrückt: „Jede Note sollte Absicht und Seele in sich tragen.“

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